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Tupfen, Spritzen, Sprenkeln

Mit Farbtupfen Oberflächen lebendiger zu machen, ist eine weniger bekannte Gestaltungsmöglichkeit der Dekorationsmalerei. Die Fontana & Fontana AG führt sie im Zuge ihrer Restaurierungs- und Renovationsarbeiten immer wieder aus.
15.04.2026 Wissen
  • Beim Untersuch dieses Treppenhauses zeigte sich unter diversen  Schichten eine getupfte Oberfläche,  die renoviert werden durfte.

    Beim Untersuch dieses Treppenhauses zeigte sich unter diversen Schichten eine getupfte Oberfläche, die renoviert werden durfte.

W er im Joner Industrie­gebiet Buech die verwinkelten, historisch gewachsenen Räumlichkeiten der Fontana & Fontana AG durch den Haupteingang betritt, taucht in eine besondere Malerwelt ein. Überall hängen Musterplatten, die historische Dekorationsmalerei wie Holzimitation, aber auch moderne Techniken zeigen. In einem Atelier ­liegen zu bearbeitende Gegenstände, zum Beispiel angejahrte Holztüren mit kleinen ausgeschliffenen Fensterchen, welche die Farbschichten zeigen. In einem anderen übt eine Lernende für das QV, indem sie eine fast lebensgrosse Statue des heiligen Petrus vergoldet.

Olivia und Marius Fontana empfangen den Gast im Ausstellungsraum. Auch hier sind zahlreiche Muster früherer Arbeiten zu sehen. Auf dem riesigen Tisch sind Ausdrucke mit Bildern weiterer Projekte ausgebreitet, um die Ausführungen der beiden zu unter­malen. Zuvorderst liegt einer der von ­Shinobu Ishihara entwickelten runden Farbsehtests. Diese bestehen aus verschiedenfarbigen Punkten. Wer nicht in der Lage ist, im Kreis eine Zahl zu erkennen, ist farbenblind oder farbenfehlsichtig.

Farbenblinde Rekruten

Marius Fontana legt den Test allen potenziellen Lernenden vor. Wenn jemand den Test nicht besteht, kann der Unternehmer ihr oder ihm keine Lehrstelle anbieten. «Da 8 bis 10 Prozent der Männer farbfehlsichtig sind, gehören auch viele Maler dazu», stellt der Unternehmer fest. Bei den Frauen sind es nur 0,5 bis 1 Prozent. Die Farben­sehschwäche ist meistens erblich bedingt. Das Gen dafür liegt auf dem X-Chromosom. Frauen haben zwei X-Chromosomen und Männer nur eines. Ist dieses defekt, zeigt sich eine Farbensehschwäche. Der Japaner Ishihara entwickelte seinen Test 1917 im Auftrag der Armee, um bei Rekruten Farbenblindheit festzustellen.

Simultankontrast nutzen

Bild von Georges Seurat. Bild von Georges Seurat.

Ein paar Jahre zuvor, gegen 1910, hatte eine Stilrichtung der ­Malerei nach rund zwei Jahrzehnten ihr Ende gefunden, die ebenfalls auf Punkte setzte: Der Pointillismus, der eine weiterentwickelte Form des Impressionismus war und diesen schliesslich hinter sich liess. Bekannte Vertreter dieses Stils sind Georges Seurat, Paul Signac und Giovanni Segantini. Sie nutzten einen Simultankontrast genannten Effekt. Regelmässig gesetzte Farbtupfer in reinen Farben verschmelzen zu Flächen und Formen, wenn man sie von Weitem betrachtet.

Farbige Punkte, Tupfen, Kleckse und Spritzer kommen auch in der Dekorationsmalerei zum Einsatz. «Die Idee ist es, die bestehende Oberfläche mit mehreren Farben aufzulösen», sagt Olivia Fontana, damit diese «bewegt» und lebendig wirke. Solche Flächen könnten ein dekoratives Element sein, ergänzt ihr Bruder Marius, «oder einfach eine Methode, damit die Wand nicht zu geleckt, zu flächig aussieht». Ein Beispiel für die Anwendung ist die Steinimitation.

Die Fontana & Fontana AG hat viel Erfahrung auch mit dieser Art von Dekorationsmalerei. «Das haben wir von unserem Grossvater», lautet häufig die Antwort auf Fragen nach der Überlieferung von Fähigkeiten oder auch Werkzeugen. Allerdings gehen das Wissen und das Können der Familie weiter zurück, bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts (siehe Kasten).

Grundsätzlich gibt es zwei verschiedene Techniken, um den «Pointillismus» in der Dekorationsmalerei umzusetzen: das Spritzen und das Tupfen. Die Spritztechnik kenne man auch von der Schule, erklärt Olivia Fontana, «man nimmt ein Zahn­bürsteli, tut ein bisschen Farbe auf die Borsten, reibt darüber und besprenkelt so ein Blatt Papier oder einen anderen Gegenstand».

Das Werkzeug zur Technik finden

So einfach ist es bei Bauobjekten natürlich nicht. Wenn die Fontanas im Laufe der Untersuchung vor einer Restaurierung auf solche Oberflächen stossen, überlegen sie, wie sich diese renovieren lassen. Wichtig ist es unter anderem, ein passendes Werkzeug zu finden. «Wir versuchen, der vorgefundenen Technik das richtige historische Werkzeug aus unserem Archiv zuzuordnen», erklärt Marius Fontana. Ist dieses zu spröde oder zu stark abgenutzt, wird es nachgebaut, was in den meisten Fällen nötig ist.

Beispiele für Marmor- und Steinimitation durch Spritzen beziehungsweise Sprenkeln finden sich an der 2008 renovierten Kirche San Giachem (St. Jakob) im Oberengadiner Dörfchen Bever. «Hier hat man es clever gemacht», sagt Marius Fontana. Die Handwerker verputzten den Turm und kalkten die Flächen weiss, die Eck­lisenen wurden als Fresco schwarz gekalkt. Dann zogen die Maler mit Weisskalk Linien, um Steinquader zu imitieren. Darüber spritzten sie weisse Farbe. Weil der Rest des Turmes weiss gekalkt war, mussten sie nur die Fenster abdecken. So konnten sie schnell arbeiten.

Mit Spritztechnik erzeugte Marmorimitation am Eigang zur Kirche San Giachem in Bever GR. Mit Spritztechnik erzeugte Marmorimitation am Eigang zur Kirche San Giachem in Bever GR.

Beim Spritzen ist einiges zu beachten. Wenn die Tröpfchen zu schwer sind, also die Konsistenz der Farbe nicht stimmt, läuft die Farbe herunter. Das Gleiche geschieht bei einem Untergrund, der ungenügend saugt. Zudem darf der Wind nicht zu stark sein, sonst verteilen sich die Tröpfchen in der Umgebung. «Es wäre ungünstig, wenn man 300 Meter entfernt einen gesprenkelten Gartentisch antreffen würde», sagt Marius Fontana mit einem Schmunzeln.

Ein weiteres Projekt von Fontana & Fontana war das erdwissenschaft­liche Forschungs- und Informationszentrum der ETH Zürich. Dieses ist 1912 bis 1916 nach Plänen des berühmten Architekten und früheren Stadtbaumeisters Gustav Gull errichtet worden. Und damit sind wir ­
wieder in der Zeit des Pointillismus. «Wir führten die Bemusterung analog dem ­Original aus, die Renovation wurde dann leider technisch anders ausgeführt», erklärt Marius Fontana.

«Pointillismus» im Mitte der 1910er-Jahre erbauten erdwissenschaft­lichen Forschungs- und Informationszentrum der ETH Zürich. «Pointillismus» im Mitte der 1910er-Jahre erbauten erdwissenschaft­lichen Forschungs- und Informationszentrum der ETH Zürich.

Unter mehreren Schichten entdeckt

Die Ausführung einer Tupf- oder Spritztechnik ist aufwendiger und damit teurer als das Streichen oder Rollen. Deshalb muss die Bauherrschaft bei solchen Renovationen bereit sein, den finanziellen Mehraufwand auf sich zu nehmen. So wie im Fall eines Gebäudes an der Zürcher Löwenstrasse 1 bis 3 in der Nähe des Swiss Casino. «Aufgrund eines Farb­untersuches im Treppenhaus entdeckten wir unter mehreren Farbschichten eine Tupftechnik aus der Bauzeit, welche mit jener an der ETH Zürich zu vergleichen ist», sagt Olivia Fontana.

  • Unterschiedliche Farbigkeiten, gleiche Technik:  Tupfen der Treppenhäuser an der Löwenstrasse in Zürich.

    Unterschiedliche Farbigkeiten, gleiche Technik: Tupfen der Treppenhäuser an der Löwenstrasse in Zürich.

  • Unterschiedliche Farbigkeiten, gleiche Technik:  Tupfen der Treppenhäuser an der Löwenstrasse in Zürich.

    Unterschiedliche Farbigkeiten, gleiche Technik: Tupfen der Treppenhäuser an der Löwenstrasse in Zürich.

Immer grossflächige Muster

Die beiden Treppenhäuser weisen unterschiedliche Farbigkeiten auf. Eines ist in verschiedenen rotvioletten und gelben Tupfen getupft, was eine orangerote Farbstimmung ergibt. Das andere Treppenhaus weist Tupfen in braunen, beigen und violetten Farben auf, die von Weitem betrachtet als graue Ober­fläche erscheinen.

Der nächste Schritt nach dem Befund und dem Eruieren der Farben ist immer eine Bemusterung auf grossflächigen Platten. Die in diesem Fall notwendigen Tupfpinsel fand man im Fundus der historischen Werkzeuge von Fontana & Fontana. Um optimal arbeiten zu können, baute Marius Fontana sie nach. «Ich habe dafür sicher 100 Pinsel gekauft, die Stiele abgeschnitten und die Tupfpinsel ­selber hergestellt», erzählt er. Damit er und seine Mitarbeitenden besser in die Ecken reinkommen, fertigte er ­verschiedene Formen an, diese sogar für Rechts- und Linkshänder.

Nachdem die Bauherrschaft und das Planungsteam mit den Mustern einverstanden waren, ging es los. Es wurde eine Probewand betupft und das Resultat stiess auf Begeisterung. Schliesslich führte das Joner Unternehmen total 500 Quadratmeter Treppenhaus in dieser historisch-­traditionellen Handwerkstechnik aus.

Nachgebaute und weiterentwickelte ­Tupfpinsel. Nachgebaute und weiterentwickelte ­Tupfpinsel.

Alle müssen gleich tupfen

«Damit das Tupfbild ausgewogen erscheint, müssen alle Mitarbeitenden geeicht werden, sodass sie einheitlich arbeiten», sagt Marius Fontana. Es gilt, immer gleich viel Farbe zu nehmen und gleich stark zu tupfen, sonst sind die Tupfen unterschiedlich gross. Eine weitere Herausforderung ist es, das Werkzeug in regelmässigen Abständen einzusetzen, damit überall gleich eng getupft ist. Und schliesslich darf nicht zu lange gearbeitet werden, bevor neue Farbe auf die Pinsel kommt, weil sonst die Punkte zu schwach werden. «Eine Musterplatte ist immer einfach zu machen, bei der Ausführung muss es dann mit ­verschiedenen Leuten geigen», sagt Marius Fontana dazu. 

Die Fontana & Fontana AG

Das Unternehmen in Rapperswil-Jona SG führt seine Wurzeln auf einen Matteo Fontana aus Melide TI zurück, der 1498 als Baumeister in Venedig arbeitete. Zur ersten Generation der Familie der heutigen Geschäftsinhaber gehört Giorgio Fontana (1842-1885).

1907 gründet Giorgio Antonio Fontana ein Malergeschäft in Zürich-Wiedikon (2. Generation). Nach dessen frühem Tod übernimmt Sohn Georg das Geschäft, verkauft es später und eröffnet 1947 in Weesen am Walensee ein neues Unternehmen (3. Generation). Rino Fontana gründet 1964 zusammen mit Robert Helbling in Rapperswil die Malermeisterbetriebsfachschule (bestehend bis 1978) sowie die Firma Helbling & Fontana (4. Generation). 1971 tritt Hugo Fontana als dritter Teilhaber in das Unternehmen ein.

1971 erfolgt der grosszügige Neubau im Industriequartier Buech in Jona, der später stetig erweitert wird. In den 1970er-Jahren spezialisiert sich das Unternehmen auf Kirchenmalerei und Restaurierungen. Dies in Zusammenarbeit mit Albert Knöpfli, Ehrendoktor und Dozent an der ETH Zürich sowie einer der Gründer der Denkmalpflege.

Ende der 1980er-Jahre zieht sich Robert Helbling als Teilhaber zurück und das Unternehmen erhält den Namen Fontana & ­Fontana AG. 2005 übernimmt mit Claudio, Marius, Olivia, Hugo und Sylvia Fontana die 5. Generation die Geschicke der Firma.

Die Fontana & Fontana AG hat 75 Mitarbeitende, wovon 6 Lernende sind. Sie bietet die ganze Palette an Malerarbeiten an. Ein Schwerpunkt liegt auf Konservierung/Restaurierung, Kirchenmalerei und Dekorationsmalerei. Das Unternehmen ist Mitinitiator, Gründungsmitglied und Partner des «Haus der Farbe» in Zürich.

Text: Raphael Briner
Bilder: Fontana & Fontana

 
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