«Sehr viele haben mich und meine Ideen unterstützt»
«Applica»: Herr Freda, was war der lustigste Moment in Ihrer Zeit im ZV?
Mario Freda: Man wirft mir manchmal vor, ich sei zu ernst. Es gibt sogar Leute, die sagen, dass mein Vorname besser Ernst wäre anstatt Mario (schmunzelt). In dem Sinn habe ich spontan nichts präsent und muss ein bisschen nachdenken.
Nur zu, wir haben Zeit.
(überlegt) Ja, doch, mir kommt eine sehr skurrile Situation in den Sinn. Einmal erhob sich ein Zentralvorstandsmitglied während der Delegiertenversammlung, lief mit seinen Lederschuhen geräuschvoll zur Kaffeemaschine, die für die Pause aufgestellt worden war, liess sich einen Espresso raus, lief zurück, setzte sich wieder hin und trank genüsslich.
Was waren Ihre Ziele als Zentralpräsident und haben Sie diese erreicht?
Da ich in das Amt reingerutscht war (siehe Kasten; Anm. d. Red.), hatte ich keine grossen Ziele. Ich denke aber, dass ich es geschafft habe, im ZV Harmonie zu schaffen. Es gibt selbstverständlich weiterhin unterschiedliche Meinungen, aber man sucht konsensorientiert eine Lösung, die unseren beiden Gewerben nützt. Vorher war der ZV in Fraktionen aufgeteilt, die sich bekämpften.
Wie ist es Ihnen gelungen, diese Kultur zu schaffen?
Ich bin jemand, der immer auf Konsens hinarbeitet. Wenn es sein muss, kann ich aber durchaus bestimmt sein und Diskussionen nicht mehr zulassen. Ich versuche dann, selbst eine Lösung zu finden, die einen gemeinsamen Ausweg aus einer schwierigen Situation ermöglicht.
Wie hat sich die Beziehung zwischen Regionalverbänden und Zentralverband mit den Jahren entwickelt?
Früher herrschte in den Regionen die Meinung vor, dass die in Wallisellen sowieso machen, was sie wollen. Es ist gelungen, die Regionalverbände mehr einzubeziehen und so die Zusammenarbeit zu verbessern. Es ist mir dabei sehr wichtig zu betonen, dass ich das nicht allein geschafft habe. Es braucht für eine solche Entwicklung viele Menschen, die sich beteiligen und Entscheide mittragen. Diese hatte ich um mich und ich hatte als Zentralpräsident auch Glück.
Inwiefern hatten Sie Glück?
In den vielen Jahren konnten wir zahlreiche Herausforderungen auf eine gute Art bewältigen. Dazu trugen nicht nur die vielen Beteiligten bei, sondern auch die Umstände. Es hätte auch anders herauskommen können unter anderen Bedingungen.
Welche Umstände meinen Sie?
Zum Beispiel, dass die Baukonjunktur in meiner Amtszeit eigentlich immer gut lief. Oder nehmen wir unser Bauprojekt. Wenn die Politik in der Covid-Zeit entschieden hätte, dass auch die Bautätigkeit eingestellt werden müsse, hätten wir ein gröberes Problem mit dem Bauprojekt gehabt und natürlich auch allgemein in der Branche.
Was war der Höhepunkt in Ihrer Amtszeit?
Das grösste und bedeutendste Projekt in meiner Amtszeit war es eindeutig, in Wallisellen einen 36-Millionen-Bau hinzustellen. Auch hier waren die richtigen Leute verfügbar, die mich und den ZV unterstützten und das Projekt mittrugen.
Gibt es Weiteres, das Ihnen besonders wichtig war?
Ein sehr wichtiges Projekt für mich, und ich glaube auch für unseren Verband, ist der Schweizer Preis für Putz und Farbe. Da engagierte ich mich, am Anfang zusammen mit Ursula Gerber von der Messe Luzern, sehr stark.
Dass ich vieles gut bewältigen konnte, lag auch an den anderen Beteiligten und den Umständen
Warum ist Ihnen der Preis so wichtig?
Es gibt kein anderes Projekt, das unseren beiden Branchen eine so grosse Chance bietet, ihr Image zu stärken und sich zu positionieren. Sehr wichtig ist die Zusammenarbeit mit dem SIA. Dass Architekten zu uns ins Haus kommen und mit uns diskutieren, hat es früher nicht gegeben. Ich hoffe, dass der SMGV diese Pflanze weiter pflegen wird.
Wie sehen Sie diese Positionierung?
Ich sehe vor allem bei den Gipsern mit ihrem vielfältigen Tätigkeitsfeld die grosse Chance. Das Thema Lärm und seine Folgen wird zum Beispiel immer wichtiger. Wir sind mit dem Schallschutz und der Raumakustik Teil der Lösung. Das gilt noch für einige andere Herausforderungen, was wir noch stärker in die Öffentlichkeit tragen müssen. Wenn uns das gelingt, haben wir ein grosses Plus gegenüber anderen Baubranchen. Dafür muss aber auch die Zu-
lieferindustrie mitziehen.
Wie meinen Sie das?
Die Hersteller reagieren zu zögerlich auf den Wechsel von der Fachmesse appli-tech zur Baubranchenmesse Swissbau. Diese bietet die Chance, uns den Architekten, Ingenieuren, Planern, Fachplanern und auch Endkunden zu präsentieren. Wir können zeigen, dass wir gemeinsam als Handwerker und Hersteller der Materialien Teil der Lösung für die Zukunft sind. In dieses Boot gehört auch die Aus- und Weiterbildung.
Was kann die Bildung beitragen?
Sehr wichtig fände ich es, wenn in der Grund- und der Weiterbildung die Möglichkeiten in Verkauf und Beratung viel stärker vermittelt würden. Wir verkaufen uns und unser vielseitiges Angebot leider viel zu wenig.
Zurück zu den Höhepunkten. Gab es neben Bauprojekt und Preis für Putz und Farbe weitere?
Ja, die Berufsmeisterschaften, an die ich unsere jungen Talente begleiten durfte. Besonders an ein Erlebnis erinnere ich mich gerne zurück, nämlich die Einladung an mich und ausgesuchte Vertreter anderer Verbände zu einem Morgenessen mit Bundesrat Guy Parmelin an den WorldSkills in Lyon. Es kommt nicht jeden Tag vor, dass man in Anzug und Krawatte um 8 Uhr Zmorge isst (lacht). Wichtig war für mich auch mein Auftritt in der TV-Sendung Rundschau zum Thema Bildung.
Was sind Ihre Erinnerungen daran?
Das war für mich ungewohnt und daher eine grosse Herausforderung. Ich musste öffentlich für unsere zwei Gewerke sprechen, in der nicht alle gleicher Meinung sind. Es war aber sehr spannend und es gab mir viel, unter anderem dank dem grossen und positiven Echo.
Gibt es auch Sachen, die in Ihrer Amtszeit nicht gut gelaufen sind?
Es ist meine Natur, alles in Frage zu stellen und zu prüfen, ob man Bestehendes nicht besser oder günstiger machen könnte. Wenn sich herausstellt, dass etwas Bewährtes gut ist, dann akzeptiere ich das und versuche es zu optimieren. In diesem Sinne sehe ich nichts, bei dem ich das Gefühl habe, man hätte es anders machen sollen. Aber es ist klar, dass man Lösungen immer nur für die aktuelle Zeit findet. Das merkt man daran, dass seit 100 Jahren immer wieder die gleichen Themen das Maler- und das Gipsergewerbe beschäftigen und für die jeweils herrschende Situation Lösungen gesucht werden.
Welche Themen sind das?
Zum Beispiel, dass die Jungen angeblich nichts mehr können. Das stimmte und stimmt selbstverständlich nicht. Man muss nur immer wieder anders mit ihnen umgehen. Und das ist eine gute Gelegenheit, sich selbst zu hinterfragen. Diese Bereitschaft sehe ich zu wenig unter uns Unternehmern und Unternehmerinnen. Ein weiterer Dauerbrenner ist der Preiskampf, der unsere Gewerke ebenfalls schon sehr lange beschäftigt.
Gibt es irgendetwas, über das Sie sich geärgert haben in Ihrer Amtszeit?
Geärgert habe ich mich zwar nicht, aber die immer wiederkehrenden Vorwürfe wegen der Zentralisierung der Aus- und Weiterbildung Gipser schossen am Ziel vorbei. Wir setzten nur um, was die Delegierten vor meiner Zeit beschlossen hatten.
Hatten Sie noch mit anderen Themen Mühe?
Etwas mühsam fand ich, dass es so lang dauerte, bis der Artikel 10 der Bildungsverordnung Maler abgeschafft wurde. Man nagelte mich fast ans Kreuz, weil ich mich dafür einsetzte, dass nicht mehr nur Meister Lernende ausbilden dürfen. Hier kommt es meiner Meinung nicht auf Titel an, sondern auf die Fähigkeiten der Berufsbildner.
Sie sind bekannt dafür, in Ihren Reden Sprichwörter zu verwenden. Haben Sie eines, mit dem Sie dieses Interview beschliessen möchten?
Ein afrikanisches Stichwort lautet: ‹Wenn du schnell gehen willst, dann gehe alleine. Wenn du weit gehen willst, dann musst du mit anderen zusammen gehen.› Ich bin weit gegangen in all den Jahren, weil ich nicht allein war. Das ist für mich das Wichtigste und ich wiederhole gerne, dass es sehr viele Leute im Verband und in Wallisellen brauchte, die meine Ideen mittrugen und unterstützen. Nur so konnte ich den SMGV vertreten. Das habe ich gern gemacht, denn eines ist sicher: Unsere beiden Gewerke haben Zukunft.
Ein langes Engagement für den Verband
Mario Freda, Jg. 1959, gründete 1988 zusammen mit seinem 2020 aus der Firma ausgeschiedenen Kollegen Ugo Nicoló das Malerunternehmen Frenicolor in Arbon TG. 1992 bis 1995 besuchte er die Meisterschule an der OMF Sulgen. Schulleiter Beda Dahinden animierte ihn dazu, dem Regionalverband beizutreten. 1999 kam eine Anfrage von Martin Vock, dem Präsidenten des Thurgauer Malermeister-Verbands (heute Thurgauer Malerunternehmer-Verband), ob er Vorstandsmitglied werden wolle.
Im gleichen Jahr wurde Freda direkt Vizepräsident und dann 2000 Präsident. Nachdem der Beitritt zum FAR von der ausserordentlichen Delegiertenversammlung 2004 abgelehnt worden war, trat praktisch die ganze Verhandlungsdelegation (VDel) zurück. SMGV-Direktor Peter Baeriswyl fragte Freda an, ob er Mitglied der VDel werden wolle. Diese Funktion hatte dieser dann von 2003 bis 2015 inne. 2008 trat er in den ZV ein und übernahm das neu geschaffene Ressort Nachwuchsförderung, das später mit dem Marketing vereint wurde. 2014, nach dem Rücktritt von Alfons Kaufmann, wurde Freda Zentralpräsident ad interim und ein Jahr später in einer Kampfwahl definitiv im Amt bestätigt.
2023 wäre Schluss gewesen wegen der Amtszeitbeschränkung. Da sich kein Nachfolger finden liess, beschlossen die Delegierten, Mario Freda nochmals eine Amtszeit zuzugestehen. Dadurch konnte er im letzten Jahr seinen Nachfolger Ivo Durrer sorgfältig einarbeiten.
Text: Raphael Briner