Qual der Wahl: Ökologische Dämmstoffe für VAWD
Wer sich mit der Ökologie und der Nachhaltigkeit von Dämmstoffen beschäftigen möchte, findet eine Reihe von Informationen. Zuerst eine Übersicht.
Instrumente
SIA-Norm VAWD
Die im Februar 2026 neu aufgelegte Norm SIA 243:2026 «Verputzte Aussenwärmedämmung (VAWD)» gibt erstmals Empfehlungen zu Ökologie und Gesundheit für den gesamten Aufbau einer VAWD ab und auch für die einzelnen Dämmstoffe.
Ecobau
Der Verein Ecobau, ein Zusammenschluss von öffentlichen Bauträgern, der Koordinationskonferenz der Bau- und Liegenschaftsorgane des Bundes (KBOB), CRB und Bildungsinstitutionen, bietet Grundlagen und Werkzeuge für ökologisches, kreislauffähiges und gesundes Bauen. Bekannt sind die Werkzeuge:
- Ecodevis: Empfehlungen für Leistungen in der Ausschreibung nach Normpositionenkatalog NPK
- EcoBKP: Empfehlungen für Baumaterialien und Verarbeitungsprozesse nach Baukostenplan BKP
- EcoProdukte: Online-Datenbank mit > 3000 geprüften Produkten.
Viele dieser Empfehlungen und Tools sind in die Gebäudelabels Minergie-ECO und SNBS eingeflossen.
Die Methodik Baumaterialien Ecobau legt die Grundlagen für die EcoProdukte fest. Baustoffe werden über die drei Phasen Herstellung, Verarbeitung/Nutzung und Entsorgung bewertet. Die Klassen Eco1 (1. Priorität), Eco2 (2. Priorität) und EcoBasis kennzeichnen die zertifizierten Baustoffe. Baustoffe mit Eco1 und Eco2 bringen Punkte fürs Zertifikat Minergie-ECO. Baustoffe mit EcoBasis erfüllen die Mindestanforderungen des Gebäudelabels Minergie-ECO.
Die Produktgruppe der Dämmstoffe ist in der Datenbank der EcoProdukte mit über 700 zertifizierten Produkten die grösste aller 15 Produktgruppen.
KBOB-Empfehlung
Die Koordinationskonferenz der Bau- und Liegenschaftsorgane des Bundes (KBOB) publiziert regelmässig zusammen mit dem Verein Ecobau und der Interessengemeinschaft privater professioneller Bauherren (IPB) Empfehlungen zum nachhaltigen Bauen. Die Empfehlung 2009/1 «Ökobilanzdaten im Baubereich» (Empfehlung 2009/1:2022) bewertet anhand von Prozessen sowie Stoff- und Energieflüssen im gesamten Lebenszyklus die Umweltrelevanz von Bauprodukten. Diese wird mit folgenden Indikatoren ausgedrückt:
- Umweltbelastungspunkte (UBP): Gesamtheit der Umweltwirkungen nach der Methode der ökologischen Knappheit
- Graue Energie: kumulierter Aufwand nicht erneuerbarer Primärenergie (siehe Kasten rechts)
- Treibhausgasemissionen (THGE): Beitrag zur globalen Klimaerwärmung, ausgedrückt in CO2-Äquivalenten.
Gebäudelabel Minergie-ECO
Das Zusatz ECO zu den drei Minergie-Standards (Minergie, Minergie-P, Minergie-A) steht für ökologische, gesunde und kreislauffähige Gebäude. Wichtig dafür sind ein flexibles Gebäudekonzept, eine sorgfältige Materialwahl sowie die Themen Wasser und Biodiversität.
Bei Dämmstoffen sind deren wärmedämmenden Eigenschaften für die Minergie-Zertifizierung wichtig. Für den Zusatz ECO werden die folgenden Kriterien zusätzlich berücksichtigt:
- Ökobilanzwerte der KBOB-Liste: Graue Energie und Treibhausgasemissionen für Herstellung, Nutzung und Entsorgung
- Umwelt- und gesundheitsrelevante Bestandteile wie
– Treibmittel in extrudiertem Polystyrol (XPS), Polyurethan (PUR) / Polyisocyanurat (PIR) und Phenolharz-Hartschaum (PF)
– Flammschutzmittel in organischen Dämmstoffen aus synthetischen Rohstoffen wie expandiertem Polystyrol (EPS), XPS, PUR/PIR und PF und in organischen Dämmstoffen aus natürlichen Rohstoffen wie Zellulose, Hanf, Kokos, Sisal, Gras oder Schafwolle
– Mottenschutzmittel in Schafwolle - Formaldehyd-Emissionen von Dämmstoffen, die raumseitig der Luftdichtigkeitsschicht eingebaut werden und Formaldehyd im Bindemittel enthalten, wie Glas- und Steinwolle, Holzfaser- oder Holzwolledämmstoffe.
Erneuerbare und nicht erneuerbare Primärenergie
Die nicht erneuerbare Primärenergie (Graue Energie) quantifiziert den kumulierten Energieaufwand der fossilen und nuklearen Energieträger sowie von Holz aus Kahlschlag von Primärwäldern. Im Umkehrschluss ist die erneuerbare Primärenergie der kumulierte Energieaufwand der erneuerbaren Energieträger: Wasserkraft, Holz / Biomasse (ohne Kahlschlag von Primärwäldern), Sonnen-, Wind-, geothermische Energie und Umgebungswärme.
Ersetzt ein Hersteller einen Teil seiner Prozessenergie zum Beispiel aus Erdgas durch Strom aus Biomasse oder Wasserkraft, werden die Ökobilanzwerte seiner Produkte besser. Genau dies hat zum Beispiel Flumroc mit seinem Elektroschmelzofen getan. Auch andere Hersteller setzen vermehrt auf erneuerbare Energie oder alternative Brennstoffe.
Ökobilanzen
Die bisherige Übersicht zeigt: Viele Empfehlungen, Produkte- und Gebäudelabels basieren auf Ökobilanzen. Was aber ist eine Ökobilanz und was sagt sie aus? International ist festgelegt, wie eine Produkt-Ökobilanz erstellt wird. Die Normenreihe SN ISO 14040/44 definiert dazu die «Spielregeln»: Eine Ökobilanz erfasst und bewertet für ein bestimmtes Produkt dessen Umweltwirkungen. Dazu werden die relevanten Material- und Energieflüsse zur Herstellung innerhalb eines räumlich und zeitlich festgelegten Perimeters bilanziert.
Von der Wiege bis ins Grab
Dieser Bilanzperimeter umfasst in der Regel den gesamten Lebenszyklus «von der Wiege bis ins Grab» beziehungsweise vom Rohstoffabbau über die Herstellung zur Nutzung bis zum Recycling oder zur Deponie von nicht verwertbaren Stoffen. Hinzu kommen alle nötigen Prozesse wie Fertigung, Unterhalt und Transporte.
Bei der Bewertung eine wichtige Rolle spielt die sogenannte Allokation bei der Verwendung von Sekundärrohstoffen. Hierbei geht es um die Frage, wie zum Beispiel die Graue Energie der Herstellung aufgeteilt wird zwischen einer ersten und einer zweiten Nutzung eines Produkts. Im Bauwesen hat es sich etabliert, der ersten Nutzung die ganzen Umweltwirkungen anzurechnen. Entsprechend gehen ein wiederverwendetes Bauteil (Re-Use) oder wiederverwertetes Material (Recycling) mit null Umweltwirkungen in die Ökobilanz des neuen Produkts ein.
Ausgenommen sind Prozesse, um etwa ein Re-Use-Fenster wieder instand zu stellen, oder die Aufbereitung von Abbruchmaterial für die Herstellung von Mineralschaumplatten (Beispiel Swisspor Ecorit), die Nutzung von Altglas für Glaswolledämmstoffe (diverse Produkte von Isover) oder für die Herstellung neuer EPS-Dämmstoffe aus gebrauchtem Verpackungsmaterial und rückgebauten EPS-Dämmplatten (Beispiel Produkte von Swisspor mit Zusatz REC100%).
Das SIA-Merkblatt «Graue Energie von Gebäuden» (SIA 2032:2020) zeigt exemplarisch die Systemgrenzen und Prozesse, die bilanziert werden müssen – für Gebäude genauso wie für einzelne Baustoffe.
Betrieb nicht berücksichtigt
Die Grafik oben zeigt für die Ökobilanzierung von Gebäuden zwei wichtige Punkte: Erstens ist der Betrieb eines Gebäudes nicht berücksichtigt, also zum Beispiel Heizung und Warmwasser während des Betrachtungszeitraums von 60 Jahren. Bei einem Minergie-ECO-Gebäude ist diese Betriebsenergie im Teil Minergie enthalten.
Im Gegenzug ist, zweitens, der Ersatz von Bauteilen mit Amortisationszeiten von weniger als 60 Jahren eingerechnet. Ein Beispiel: Die Amortisationszeit einer verputzten Aussenwärmedämmung beträgt gemäss normativer Vorgabe des SIA 30 Jahre und ist in einer Gebäudeökobilanz über 60 Jahre entsprechend zweifach zu rechnen: einmal mit der Erstellung des Gebäudes und einmal nach 30 Jahren Betriebszeit. Bei der Wahl des «richtigen» Dämmstoffs spielt dies keine Rolle. Hier werden Baustoffe oder Systeme mit gleicher Amortisationszeit verglichen.
Die KBOB-Liste Ökobilanzdaten enthält über 300 Baustoffe und Bauteile wie Fenster oder Küchenelemente. Die Werte der Indikatoren Umweltbelastungspunkte, Graue Energie und Treibhausgasemissionen sind entweder berechnete Durchschnittswerte für die Schweiz (generische Werte) oder produktspezifische Werte. Letztere werden von den Herstellern berechnet und beziehen sich auf ein konkretes Produkt.
Extrem wertvolle Liste
Die KBOB verifiziert diese Herstellerdaten, bevor sie in die Liste aufgenommen werden. Diese KBOB-Liste ist für die ganze Bauwirtschaft und ihr Bestreben für nachhaltigere Produkte und Gebäude extrem wertvoll. Aber sie hat auch Schwächen beziehungsweise die angegebenen Werte müssen projektspezifisch umgerechnet werden, gerade bei Dämmstoffen. Die Tabelle auf Seite 23 zeigt: Die Werte zum Beispiel der Treibhausgasemissionen sind für 1 kg Dämmstoff (Spalte «Bezug») angegeben. Ein solcher Bezug hilft bei der Wahl eines ökologischen Dämmstoffs nicht weiter. Dämmstoffe werden wegen ihrer Dämmleistung beziehungsweise wegen ihrer tiefen Wärmeleitfähigkeit (Lambda-Wert, λ in W/m*K) eingebaut.
Lambda-Werte
Produktspezifische Lambda-Werte können gefunden werden in:
- Leistungserklärungen der Hersteller
- Bestätigungen nach Norm SIA 279 «Wärmedämmende Baustoffe» (SIA 279:2018) der Hersteller
- Lignum-Data:
https://lignumdata.ch - EcoProdukte:
https://www.ecobau.ch/de/instrumente/ecoprodukte
Die EcoProdukte berücksichtigen bei der Zertifizierung Eco1, Eco2, EcoBasis die Dämmleistung unterschiedlicher Produkte, indem für alle derselbe Wert hinterlegt wird.
Fehlende Angaben
Entsprechend müssen für die Wahl des «richtigen» Dämmstoffs die Treibhausgasemissionen auf eine bestimmte Fläche und auf eine angestrebte Dämmleistung umgerechnet werden. Dazu fehlen in der KBOB-Liste aber folgende Angaben:
- exakte Rohdichte bei vielen generischen Daten
- Lambda-Werte bei allen Produkten.
Für eine verputzte Aussenwärmedämmung können die KBOB-Werte auf 1 m2 Wand und in erster Näherung auf eine Dämmstärke von 20 cm umgerechnet werden (siehe Tabelle oben).
Wer es noch genauer wissen will, muss den U-Wert (Wärmedurchgangskoeffizient, W/m2*K) der Konstruktion beziehungsweise den Lambda-Wert der Dämmung zusätzlich einrechnen (siehe Kasten oben).
Im jüngst erschienen Buch «Haus, Energie und CO2» von Annette Gigon, Mike Guyer und Alexander Kölsch sind solche Tabellen für viele Bauteile sowie Konstruktionen und auch für Wärmedämmstoffe zu finden. Nachteil dieser gedruckten Version: Die Daten veralten mit der nächsten Version der KBOB-Liste, die bereits für Anfang 2027 angemeldet ist.
Fazit
Die KBOB-Liste Ökobilanzdaten im Baubereich ist seit ihrem Erscheinen die Grundlage für die Ökobilanzierung von Gebäuden und hat sich in der Branche entsprechend etabliert. Der Umgang mit den Daten ist im Einzelfall aber tückisch.
Daher ist es wünschenswert, dass die KBOB zum Beispiel unter Einbezug der Daten der EcoProdukte eine Liste erarbeitet und publiziert, die genau dies aufzeigt: Treibhausgasemissionen von Dämmstoffen unter Berücksichtigung ihrer Dämmleistung.
Text: Stefan Schrader