Bagpiper
Man brauche mindestens sieben Jahre, bis man das Instrument beherrsche, sagte ein schottischer Dudelsack-Lehrer einst zu Max Kistler. Das war vielleicht etwas optimistisch. «Es ist nach 20 Jahren immer noch eine Herausforderung, das Instrument zu spielen», sagt der 62-jährige Gipsermeister und Präsident des SMGV Gipser Zürich-Land.
Mystisch und mythologisch sind Adjektive, die mit Schottland verbunden werden. Dazu tragen Gestalten wie das Seeungeheuer Nessie ebenso bei wie die wilde Landschaft mit schroffen Bergen, nebelverhangenen Tälern und tiefen Seen. Diese Umgebung macht zusammen mit der Kultur, in der Kistler Parallelen zur schweizerischen sieht, die Faszination aus, die Schottland auf ihn ausübt. Dazu kommt: «Die Leute erzählen ihre Geschichten immer mit einem Augenzwinkern.» Es gibt an vielen schottischen Orten Legenden über Geister von Dudelsackspielern, deren Klänge in stürmischen Nächten zu hören sind. Mindestens ein Hauch von Mystik wohnte auch Kistlers erster Begegnung mit dem Dudelsackspiel inne. Er war mit einer Gruppe auf einer Reise in den Highlands und hörte durch den wabernden Nebel Melodien, die ihn sofort berührten. Magisch zog es ihn von der Gruppe weg und den Klängen entgegen. «Im Nebel stand ein Bagpiper und spielte ein mystisches Lament», erzählt Kistler. Er hörte dem Musikanten eine Weile zu, die Gruppe musste warten.
Der Dudelsack wird in der Fachwelt «The Great Highland Bagpipe» genannt. Sein Klang folgt einer Intonation, die nicht gleichschwebend temperiert ist wie bei anderen Instrumenten. Dieser einzigartige Klang mit dem kontinuierlichen Bordun-Ton (Begleitton) erzeugt eine fast hypnotische Wirkung. Keine drei Wochen nach der Rückkehr in die Schweiz nahm Kistler Unterricht. Schnell stellte er fest, dass die Handhabung des Instruments anspruchsvoller ist, als es aussieht. «Man muss gleichzeitig einen konstanten Luftdruck erzeugen, mit dem Arm auf den Sack drücken und mit den Fingern die Spielpfeife bedienen, was ein langes Üben der Koordination erfordert», erklärt er. Diese Aufgabe hat der helvetische Bagpiper gut bewältigt, wozu sicher der eigenhändige Umbau eines alten Ziegenstalls zu einem Übungsraum beigetragen hat. Für den Gipsermeister war natürlich die angesichts von bis zu 100 Dezibel nötige Schallisolation keine Sache.
Max Kistler spielt nicht nur mit der «Zürich Caledonian Pipe Band», sondern gehört zur «cream of the crop» des Schweizer Dudelsack-Clans. Mit den «Swiss Highlanders» tritt er zum fünften Mal am Basel Tattoo auf. Der Anlass findet vom 17. bis am 25. Juli 2026 zum 20. Mal statt. Somit startete erste Tattoo just in jenem Jahr, in dem Kistler sich das erste Mal an den Dudelsack wagte.
Text: Raphael Briner